• Dezember 21, 2017

Die wertvollste Erkenntnis zum Thema Digitalisierung nach Dr. Ashkan Fardost

Digitalisierung und der digitale Arbeitsplatz – was bedeuten diese beiden Trends für Unternehmen? Bevor man sich überhaupt mit den zukünftigen Herausforderungen befasst, die sich aus der Digitalisierung ergeben, muss man zunächst die eigentliche Herausforderung verstehen. Zuerst sollte ein allgemeines Missverständnis ausgeräumt werden: Laut Dr. Ashkan Fardost wird bei der Digitalisierung unterschieden zwischen „Digitization" und „Digitalization". Die Digitalisierung erfordert, dass wir uns „weniger auf Technologietrends, sondern auf Verhaltenstrends" konzentrieren und erkennen, wie „Technologien unser Verhalten beeinflussen und unsere Erwartungen verändern".

Der ehemalige Produzent von elektronischer Trance-Musik Dr. Ashkan Fardost erlebte die vom Internet ausgelöste disruptive Innovation in der Musikbranche aus erster Hand. In seiner TedX-Präsentation sagt Fardost, das Internet habe eine „globale digitale Stammesgesellschaft" geschaffen, in der jeder mit dem Stamm seiner jeweiligen Nische in Kontakt treten kann. Fardost selbst entdeckte seine Nische, als er mit siebzehn Jahren eine Karriere als Trance-Produzent anstrebte. Da er nicht die Möglichkeit hatte, sich für 30.000 Dollar ein Musikstudio zuzulegen, suchte er den Kontakt zu einer Gruppe anderer Trance-Fans und erfuhr so eines Tages von dem Computerprogramm „Reason", das ihm schließlich ein digitales Musikstudio und eine erschwingliche Musikproduktion ermöglichte.

Bald darauf entdeckte Fardost – auch bekannt als DJ Mysterium und Envio – die Musiktauschbörse Napster. Seit die Musikbranche durch das Internet komplett auf den Kopf gestellt wurde, erforscht und erläutert Fardost, wie die Technik unsere verschiedenen Branchen, Gesellschaften und das menschliche Verhalten prägt. Nach seiner Promotion in Medizinischer und Pharmazeutischer Chemie an der Universität Uppsala verließ er die akademische Welt für die Stockholmer Startup-Szene, wo er seither als Berater tätig ist und „in äußerst verrückte Ideen investiert, die anderen Investoren Albträume bereiten". Darüber hinaus ist er Mitarbeiter von Hyper Island und für die Auszeichnung „Swedish Speaker of the Year 2017" nominiert.

In der heutigen Zeit erlebt jedes Unternehmen ein gewisses Maß an Digitalisierung und laut Fardost tappen viele Unternehmen in die so genannte „Technologiefalle; d. h. sie ergänzen bereits bestehende Prozesse durch neue Technologien und bezeichnen das Ganze als ,Innovation‘. „Um wirklich zu verstehen, was genau Digitalisierung bedeutet und wofür wir sie nutzen können, müssen wir uns viel weniger auf Technik und viel mehr auf Verhalten konzentrieren.

Was können wir in Zukunft von der Digitalisierung und dem digitalen Arbeitsplatz erwarten?

Fardost: „Eine hohe Anzahl von Arbeitskräften könnte bald ersetzt werden; zudem steigen die Anforderungen an Fähigkeiten und Intellekt ins Extreme. In der Vergangenheit bedeutete die Einführung neuer Maschinen, dass weniger Arbeitskräfte benötigt wurden; die neuen Maschinen ermöglichten jedoch auch die Erweiterung eines Unternehmens, sodass dieses wieder neue Arbeitskräfte benötigte, die sich um die neuen Maschinen kümmern mussten. Doch heute ist es wahrscheinlich nicht ohne Weiteres möglich, Mitarbeiter zu einer zweiwöchigen Schulung für Microsoft Excel zu schicken. Technologien wie maschinelles Lernen sind schlicht und ergreifend viel zu komplex, um von Laien beherrscht zu werden. Außerdem lassen sie sich wesentlich effektiver skalieren, ohne dass weitere Arbeitskräfte benötigt werden. Und wenngleich einige KI-Anwendungen darauf ausgelegt sind, die menschliche Arbeitskraft zu unterstützen (wie etwa das Programm Watson mit seinem Einsatz im medizinischen Bereich), können viele KI-Anwendungen doch dazu führen, dass der Arbeiter vollkommen überflüssig wird. Dies gilt vor allem dann, wenn die Arbeit Tätigkeiten mit kognitivem oder manuellem Routineaufwand umfasst.

Auf lange Sicht werden wir im Bezug auf Routineaufgaben niemals mit Software oder Robotern konkurrieren können. Das bedeutet, dass uns langfristig hauptsächlich Raum für kreatives Arbeiten bleibt. Und ich bin fest davon überzeugt, dass sich Computer in puncto Kreativität nie wirklich mit uns Menschen messen werden können. Nicht etwa, weil ich Kreativität als eine Art magische Kraft betrachten würde. Vielmehr resultiert Kreativität meiner Meinung nach aus unserer Angst vor dem Tod bzw. aus unserer Fähigkeit, uns bewusst zu machen, dass wir eines Tages sterben werden. Kein anderes Säugetier besitzt diese Fähigkeit. Andere Tiere leben nur im Moment. Wir jedoch verfügen über ein weit entwickeltes Bewusstsein und Intellekt, sodass wir uns Gedanken über die Zukunft machen können. Und die Zukunft hält nun einmal den unvermeidlichen Tod für uns bereit. Diese Erkenntnis ist der Grund dafür, dass wir verzweifelt versuchen, unser Schicksal zu ändern. Aus diesem Versuch entsteht Kreativität, aus Kreativität entsteht Kultur und aus Kultur entsteht Geschichte. Angesichts dessen ist die Vorstellung, Computer könnten irgendwann plötzlich Bewusstsein UND Kreativität entwickeln, nur weil nach dem Mooreschen Gesetz die Rechenleistung exponentiell wächst, geradezu absurd. Ebenso könnte man behaupten: „Wenn die Geschwindigkeit unserer Autos weiterhin exponentiell zunimmt, werden sie eines Tages teleportieren können. Das ist natürlich Unsinn."

Wie können sich Unternehmen – abgesehen davon, dass sie anerkennen, wie wichtig die Entwicklung des menschlichen Verhaltens ist – zusätzlich auf die Digitalisierung einstellen?

Fardost: „Wer heute aufwächst und intelligent ist, wird erkennen, dass jede Arbeit, bei der es darum geht, Anweisungen zu befolgen und sich von einem Mikromanager abhängig zu machen, der ganztägig nur Instruktionen gibt, einen gefährlichen Weg darstellt. Schließlich können wir Anweisungen nie so genau befolgen wie ein Computer. Intelligente Arbeiter sollten deshalb eher Karrieren verfolgen, die kreative Aufgaben beinhalten; Aufgaben, die es ihnen erlauben, zu experimentieren und sich weiterzuentwickeln. In anderen Worten: Aufgaben, die mit Innovation zu tun haben. Innovation kann nicht mit maschinellem Lernen oder anderen Formen von KI erreicht werden, da derartige Technologien historische Daten verwenden. Innovation erfordert Experimentierfreudigkeit und Zukunftsorientiertheit. Mit historischen Daten lässt sich nichts davon erreichen. Sie bieten höchstens Unterstützung, jedoch keine Lösung.

Meine Frage an Sie lautet nun: Beschäftigen Sie Mitarbeiter, um ihnen Anweisungen zu erteilen, oder beschäftigen Sie Mitarbeiter, um ihnen die Möglichkeit zu geben, kreativ zu sein und Aufgaben zu erledigen, die sie besser beherrschen als Sie selbst?"

Die wertvollste Erkenntnis zum Thema Digitalisierung laut Dr. Ashkan Fardost:

Fardost: „Die wichtigste Erkenntnis zum Thema Digitalisierung betrifft die Bereiche KI und Automatisierung. Und die Erkenntnis lautet: Wir haben das alles schon einmal erlebt. Wir sollten nicht so tun, als wäre uns die aktuelle Situation neu und fremd, denn schließlich haben wir schon viele Male miterlebt, wie unsere diversen Branchen von Maschinen erobert wurden. Und es verläuft immer wieder gleich: Ein Wachstum in der Wertschöpfungskette erhöht die Nachfrage nach fähigen und intelligenten Arbeitskräften. Gleichzeitig entstehen neue Arbeitsplätze, die sich zuvor nicht voraus kalkulieren ließen."

Abschließende Überlegungen

Disruptive Innovation stellt eine Bedrohung für jedes Unternehmen dar. Ebenso wie Uber und Lyft das Taxigewerbe an sich gerissen haben, Spotify die Musikbranche aus den Angeln gehoben, Bitcoin das Bankwesen herausgefordert und Amazon den Einzelhandel digitalisiert hat, werden Roboter irgendwann den digitalen Arbeitsplatz zum Erliegen bringen. Der Wandel des Arbeitsplatzes hat bereits begonnen und wenn Sie flexibel sind und künstliche Intelligenz auf effektive Weise in Ihre Arbeitsplätze integrieren, können Sie Technologiefallen vermeiden. Ihre Lösungen müssen disruptiv sein und sich auf menschliche Verhaltensweisen und Erwartungen konzentrieren. Es ist offensichtlich, dass die künstliche Intelligenz banale und alltägliche Aufgaben „schlucken" wird; das heißt, die Arbeitskräfte, die für solche Aufgaben zuständig sind, müssen entweder andere Tätigkeiten übernehmen oder sie werden durch Technik ersetzt. Ein produktiver Ansatz wäre zum Beispiel die Nutzung von Kreativität, um Innovationen zu fördern.